Gun­ters­blum: Hoch­ri­si­ko-Zocke­rei um Senio­ren-Anla­ge

In der klei­nen Gemein­de Gun­ters­blum wird seit etli­chen Jah­ren eine ziem­lich gro­ße Wohn­an­la­ge für älte­re Men­schen geplant. Ein ers­ter Inves­tor fühlt sich von der Orts­bür­ger­meis­te­rin zu Unrecht aus­ge­boo­tet: Er hat inzwi­schen bei Gericht eine 100.000-Euro-Klage ein­ge­reicht. Die Frau scheint das wenig zu beein­dru­cken: Sie will das Mil­lio­nen-Pro­jekt jetzt mit einem ande­ren Unter­neh­mer durch­zie­hen. Da aller­dings tun sich bei genaue­rem Hin­se­hen eini­ge Merk­wür­dig­kei­ten auf. Das könn­te noch gefähr­lich wer­den – vor allem sehr teu­er, nicht nur für Gun­ters­blum!

Am heu­ti­gen Mon­tag fin­det um 19 Uhr ein kon­spi­ra­tiv anmu­ten­des Tref­fen im Gun­ters­blu­mer Rat­haus statt. CDU-Orts­bür­ger­meis­te­rin Clau­dia Blä­si­us-Wirth hat aus­ge­such­te Rats­mit­glie­der ein­ge­la­den: Ihnen soll der Unter­neh­mer Andre­as Piwo­war­ski (62) umfas­send Aus­kunft geben – zu sei­ner Per­son, zu sei­ner beruf­li­chen Tätig­keit und zu zwei Fir­men, mit denen er das Mil­lio­nen-Pro­jekt „Betreu­tes Woh­nen“ in Gun­ters­blum rea­li­sie­ren will.

Piwo­war­ski erzählt dar­über ganz unbe­darft: „Frau Blä­sisus-Wirth hat mir gesagt, sie habe sich eine Tak­tik für das Tref­fen aus­ge­dacht”, sagt er. „Erst soll mein Finanz­be­ra­ter etwas sagen, dann mein Sohn Dani­el, der bei mir als Immo­bi­li­en­mak­ler arbei­tet.“ Er selbst, sagt Piwo­war­ski, sol­le sich auf Wunsch der Orts­bür­ger­meis­te­rin zurück­neh­men: „Sie mein­te, ich soll nicht so viel reden. Ich hät­te für die Poli­ti­ker inzwi­schen den Schwar­zen Peter.“

Blick auf die rhein­hes­si­sche Gemein­de Gun­ters­blum.

Wir sind in Gun­ters­blum, in die­sem net­ten Wein-Dörf­chen in Rhein­hes­sen, wo man seit vie­len Jah­ren gro­ße Plä­ne für ein Haus für Senio­ren hat – und wo die Orts­bür­ger­meis­te­rin jetzt auf einen gefähr­li­chen Abgrund zusteu­ert. Es wird Zeit, dass alle Fak­ten auf den Tisch kom­men, jen­seits von Par­tei­en-Gezan­ke und -Gezer­re: Sonst könn­te am Ende gro­ßer Scha­den ent­ste­hen, nicht nur für die klei­ne Kom­mu­ne, son­dern auch für all jene, die im Ver­trau­en auf das gemeind­li­che Mit­wir­ken eine der Senio­ren-Woh­nun­gen erwer­ben wol­len.

Der Plan von CBW (so nennt sich die Orts­bür­ger­meis­te­rin ger­ne) ist inzwi­schen bekannt: Andre­as Piwo­war­ski soll mit den Fir­men AIVG mbH und LVVG mbH ein gemein­de­ei­ge­nes Grund­stück im Bau­ge­biet „Algers­weg West“ erwer­ben. Dann soll er dort 60 Woh­nun­gen für Betreu­tes Woh­nen errich­ten. Geschätz­te Kos­ten: sechs bis acht Mil­lio­nen Euro. Min­des­tens!

Weni­ger bekannt ist, wer die­ser Andre­as Piwo­war­ski ist. Und was den Mann qua­li­fi­ziert. Ist er wirk­lich der rich­ti­ge Unter­neh­mer für ein sol­ches Mil­lio­nen-Pro­jekt? Und wel­che Erfah­run­gen hat er mit den spe­zi­el­len Anfor­de­run­gen an das Bau­en und Betrei­ben von Senio­ren-Woh­nun­gen?

Eine wei­te­re Fra­ge stellt sich nach einem Blick ins Han­dels­re­gis­ter: Piwo­war­ski gehö­ren die Fir­men gar nicht, mit denen er bau­en will. Ja, er ist nicht ein­mal als Geschäfts­füh­rer ein­ge­tra­gen. Fra­ge also: Wer steckt wirk­lich hin­ter den Fir­men und dem angeb­li­chen Mil­lio­nen-Invest?

Wir haben dazu, Anfang letz­ter Woche war’s, der Orts­bür­ger­meis­te­rin eini­ge Fra­gen geschickt. Sie mel­de­te sich sofort, woll­te Ant­wor­ten aber nur in einem Gespräch geben.

Als wir CBW dar­auf­hin letz­ten Mitt­woch im Rat­haus tref­fen, gibt sie sich unbe­ein­druckt von Hin­wei­sen auf Unklar­hei­ten und Unstim­mig­kei­ten in der Dar­stel­lung des Inves­tors. Zu Fra­gen der Boni­tät von Herrn Piwo­war­ski und sei­nen angeb­li­chen Fir­men sagt sie, man habe einen Steu­er­fach­mann ein­ge­schal­tet: Der wür­de die Zah­len der Fir­men prü­fen..

Fra­ge: Gibt’s denn schon ers­te Erkennt­nis­se?

CBW: Nein, die Prü­fung lau­fe noch, das Ergeb­nis wer­de zu gege­be­ner Zeit vor­ge­legt.

Das ist merk­wür­dig! Wir haben die offi­zi­el­len Bilan­zen von AIVG und LVVG einem Steu­er­ex­per­ten vor­ge­legt. Der muss­te gar nicht lan­ge prü­fen – sei­ne Fest­stel­lung:

Die­se ‚Bilan­zen’ (er setz­te das Wort viel­sa­gend in Anfüh­rungs­zei­chen) kann man nicht wirk­lich ernst neh­men. Man kann nur hof­fen, dass die Fir­men bei ihren Bau­vor­ha­ben sorg­fäl­ti­ger vor­ge­hen.“

Senio­ren-Woh­nun­gen für teu­res Geld

Wäh­rend wir uns mit solch unschö­nen Erkennt­nis­sen aus­ein­an­der­set­zen, ver­sucht Piwo­war­ski offen­sicht­lich, Fak­ten zu schaf­fen: Er bie­tet die Senio­ren-Woh­nun­gen, die bis­her nur auf dem Papier exis­tie­ren, bereits zum Kauf an: im Inter­net, in Anzei­gen­blätt­chen, auf Pla­ka­ten, über eine Mak­le­rin. Die 48-Qua­drat­me­ter-But­ze soll 183.120 Euro, die 77-Qua­drat­me­ter-Woh­nung 281.880 Euro kos­ten. Macht einen Qua­drat­me­ter­preis von 3.600 bis 3800 Euro, was deut­lich über Gun­ters­blu­mer Durch­schnitt liegt.

Wer eine der Woh­nun­gen reser­vie­ren möch­te, muss 5000 Euro zah­len, sofort. Das Geld wer­de, heißt es, spä­ter auf den Kauf­preis ange­rech­net.

Obwohl ihm das Grund­stück noch gar nicht gehört, bie­tet Inves­tor Andre­as Piwo­war­ski die Senio­ren-Woh­nun­gen zum Kauf an.

Erst auf Nach­fra­ge räumt Piwo­war­ski ein: Das Grund­stück gehö­re ihm noch gar nicht, der Kauf­ver­trag mit der Gemein­de sei noch nicht unter­zeich­net. „Aber das ist kein Pro­blem“, sagt er auch. Die Gemein­de wer­de ihm das Grund­stück ver­kau­fen, garan­tiert, „das läuft wie geschmiert“: Der Ver­trag wer­de dem­nächst unter­zeich­net.

Dem­nächst? Was heißt schon „dem­nächst“ in Gun­ters­blum? Bis vor kur­zem war ein Wies­ba­de­ner Bau­un­ter­neh­mer der favo­ri­sier­te Inves­tor: Der Mann hat­te jah­re­lang mit der Gemein­de ver­han­delt, hat­te den frü­he­ren SPD-Land­rat als Bera­ter ins Boot geholt, hat­te die Pla­nung fer­tig, Bau­an­trä­ge bei den Behör­den ein­ge­reicht…

Dem­nächst” hät­ten die Bau­ar­bei­ten los­ge­hen sol­len. Doch dann platz­ten, im letz­ten Augen­blick, die Ver­hand­lun­gen. Aus. Vor­bei.

Der Archi­tekt fühlt sich heu­te von der CDU-Orts­bür­ger­meis­te­rin zu Unrecht aus­ge­boo­tet. Er hat des­halb Kla­ge beim Land­ge­richt Mainz ein­ge­reicht: Er will sei­ne Auf­wen­dun­gen von der Gemein­de erstat­tet haben.

Er ver­langt mehr als 100.000 Euro von Gun­ters­blum.

Orts­bür­ger­meis­te­rin gilt als bera­tungs­re­sis­tent

Es ist eine unse­li­ge Polit-Tri­lo­gie: In drei Orten, die anein­an­der­reiht wie Per­len einer Ket­te an der Bun­des­stra­ße B 9 lie­gen, sor­gen die Bür­ger­meis­ter für unschö­ne Nach­rich­ten.

Erst liegt da Nier­stein: Hier regiert CDU-Mann Tho­mas Gün­ther, der sich mit obsku­ren Chi­na-Fir­men-Erzäh­lun­gen zur Lach­num­mer gemacht hat, zumal dann auch noch auf­flog, dass er selbst Kas­se zu machen ver­sucht hat­te. Der­zeit pes­tet er in rüpel­haf­ter Wei­se gegen den SPD-Frak­ti­ons­chef im Ver­bands­ge­mein­de­rat. Immer wie­der unsäg­lich, die­ser Gün­ther, eigent­lich uner­träg­lich.

Direkt hin­ter Nier­stein liegt Oppen­heim. Die Klein­stadt wird in die Geschichts­bü­cher Rhein­hes­sens ein­ge­hen als Bei­spiel dafür, wie sich ein skru­pel­lo­ser Par­tei-Poli­ti­ker ein „zwar klei­nes, aber gänz­lich unter­tä­ni­ges und auch pro­fi­ta­bles Impe­ri­um“ (Schrift­stel­ler Frie­der Zim­mer­mann) auf­bau­en konn­te. Der Oppen­heim-Skan­dal: Die Herr­schaft des SPD-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Mar­cus Held ende­te im März, und das war für vie­le Bür­ger auch wie eine Befrei­ung. Doch wird die Stadt noch lan­ge an den Fol­gen des Trei­bens ihres Stadt­bür­ger­meis­ters zu lei­den haben, finan­zi­ell bestimmt, und wohl auch zwi­schen­mensch­lich.

Direkt nach Oppen­heim kommt, fährt man auf der B 9 wei­ter, die Gemein­de Gun­ters­blum. Die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se hier sind offen: SPD und CDU sind gleich stark, im Orts­par­la­ment sind zudem die Frei­en Wäh­ler (FWG) und die Unab­hän­gi­ge Lis­te (ULG) ver­tre­ten. Es gibt kei­ne kla­re Mehr­heit, was Ent­schei­dungs­fin­dun­gen nicht ein­fach macht, jedoch ver­nunft­be­zo­ge­nen Beschlüs­sen den Weg ebnen könn­te.

Das Lei­nin­ger Schloss
in Gun­ters­blum beher­bergt das Rat­haus.

Bis Herbst 2015 war Rei­ner Schmitt (ULG) der ehren­amt­li­che Orts­bür­ger­meis­ter. Nach sei­nem uner­war­te­ten Tod, der Mann wur­de nur 65 Jah­re alt, über­nahm Clau­dia Blä­si­us-Wirth das Amt, eine selbst­be­wusst auf­tre­ten­de Frau, 56 ist sie, Mut­ter von drei Töch­tern. Beruf­lich macht sie ein wenig in Wer­bung, ein wenig in Wein – eine „Power­frau“, schmei­chel­te die Lokal­zei­tung, ihrem Ego wird’s gefal­len haben.

Rats­mit­glie­der sagen hin­ge­gen, her­aus­ra­gends­te Eigen­schaft von CBW sei ihre Bera­tungs­re­sis­tenz. Sie ste­he sich des­halb oft­mals selbst im Weg. In ihrer Unfä­hig­keit zur kri­ti­schen Selbst­re­fle­xi­on sei auch der wah­re Grund zu suchen, wes­halb aus den einst gut gemein­ten Plä­nen für älte­re Men­schen inzwi­schen ein Hoch­ri­si­ko-Pro­jekt für die gan­ze Gemein­de gewor­den sei.

Acht­sei­ti­ge Kla­ge­schrift liegt beim Land­ge­richt

Fan­gen wir an mit der ers­ten unan­ge­neh­men Geschich­te: die Hun­dert­tau­send-Euro-Kla­ge des Archi­tek­ten Rüdi­ger Con­ra­di. Der Bau­un­ter­neh­mer aus Gau-Bischofs­heim, der in Wies­ba­den sein Büro betreibt, gilt als erfah­re­ner Pro­jekt­ent­wick­ler. Mit sei­ner Fir­ma KTB plan­te er eine groß­zü­gi­ge Senio­ren­an­la­ge in Gun­ters­blum.

Acht Din-A4-Sei­ten umfasst die Kla­ge­schrift sei­nes Rechts­an­walts Dr. Jens Kol­ter (Wies­ba­den), die beim Land­ge­richt Mainz vor­liegt. In ihr fin­det sich die Chro­no­lo­gie der geplatz­ten Gun­ters­blum-Plä­ne:

2011 began­nen ers­te Gesprä­che mit Orts­bür­ger­meis­ter Schmitt: Con­ra­di woll­te ein Pfle­ge­heim mit angren­zen­dem Haus für Betreu­tes Woh­nen errich­ten – auf einem Grund­stück, das ihm die Gemein­de ver­kau­fen soll­te.

2012 gab der Gemein­de­rat grü­nes Licht, mit Ände­run­gen im Bebau­ungs­plan „Algers­weg West“ wur­den die bau­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen geschaf­fen.

2013 gin­gen die Gesprä­che wei­ter. Gerulf Her­zog, der frü­he­re CDU-Land­rat des Krei­ses Mainz-Bin­gen, war als Bera­ter von Conradi/KTB stets anwe­send.

2014 leg­te Conradi/KTB ers­te kon­kre­te Plä­ne vor. Die Lokal­zei­tung jubi­lier­te: „Läuft alles nach Plan und wird zeit­nah ent­spre­chen­des Bau­recht geschaf­fen, könn­ten die Arbei­ten bereits im Früh­jahr nächs­ten Jah­res star­ten. Ein Jahr spä­ter sol­len dann die ers­ten Bewoh­ner ein­zie­hen.”

Im Mai 2015 wur­de der Bau­an­trag bei der Kreis­be­hör­de in Ingel­heim ein­ge­reicht. In der Kla­ge­schrift heißt es, Orts­bür­ger­meis­ter Schmitt habe auf schnellst­mög­li­che Rea­li­sie­rung gedrängt, „da er bereits eine Lis­te mit orts­an­säs­si­gen Anwär­tern für Plät­ze im geplan­ten Pfle­ge­heim vor­lie­gen hat­te“.

Im Juni 2015 beschloss der Gemein­de­rat, das Grund­stück in „Algers­weg West“ an Conradi/KTB zu ver­kau­fen.

Dann ver­starb, im Sep­tem­ber 2015, Rei­ner Schmitt.

Zur neu­en ehren­amt­li­chen Orts­bür­ger­meis­te­rin wur­de Clau­dia Blä­si­us-Wirth gewählt. Das Jahr 2016 hat gera­de begon­nen.

Wenig spä­ter kam das Senio­ren-Pro­jekt erst ins Sto­cken. Dann platz­te es.

Jah­re­lan­ge Pla­nung – alles umsonst

Zwar wur­de bei einem Oppen­hei­mer Notar noch der Ent­wurf eines Kauf­ver­tra­ges erstellt, wofür Con­ra­di 1.760,01 in Rech­nung gestellt wur­den. Zur Ver­trags­un­ter­zeich­nung aber kam es nicht mehr.

Ers­tes Pro­blem: Das im Bebau­ungs­plan aus­ge­wie­se­ne Grund­stück erwies sich angeb­lich als zu klein für ein Pfle­ge­heim plus Haus für Betreu­tes Woh­nen. Con­ra­di sagt heu­te, es habe Ein­ver­neh­men geherrscht, dort nur ein Pfle­ge­heim zu bau­en. Mit Schmitt und spä­ter auch mit Blä­si­us-Wirth sei nach einem ande­ren Grund­stück für Betreu­tes Woh­nen gesucht wor­den, ohne Erfolg.

Blä­si­us-Wirth dage­gen sagt heu­te, die Gemein­de habe im Bau­ge­biet „Algers­weg West” unbe­dingt Betreu­tes Woh­nen gewollt.

Zwei­ter Kon­flikt­punkt: Die Gemein­de hat­te ein Unter­neh­men aus Kai­sers­lau­tern mit der Erschlie­ßung des Bau­ge­bie­tes beauf­tragt. Das soll­te die Kos­ten für Stra­ßen, Kana­li­sa­ti­on usw. direkt bei den Grund­stücks­be­sit­zern ein­zie­hen.

Das Unter­neh­men ver­lang­te von Conradi/KTB als eine Art Vor­schuss 20 Pro­zent der Gesamt­kos­ten – rund 66.0000 Euro. Nach Beginn der Arbei­ten soll­te der Archi­tekt 14 Mona­te lang wei­te­re 20.000 Euro über­wei­sen, monat­lich.

Con­ra­di wies sol­che For­de­run­gen, wir sind jetzt im Jahr 2017, als „unver­schämt“ zurück. In einem Brand­brief an die Bür­ger­meis­te­rin schrieb er: Er sol­le bezah­len, „ohne dass es eine Sicher­stel­lung für uns gibt, dass die Erschlie­ßungs­maß­nah­me auch tat­säch­lich zu Ende geführt wird“. Im Ver­trag sei­en kei­ne Ter­mi­ne für Beginn und Abschluss der Arbei­ten ange­ge­ben: „Mit einer sol­chen Unge­wiss­heit auf der zeit­li­chen Schie­ne lässt sich kein Bau­vor­ha­ben pro­jek­tie­ren.“

CBW gibt sich jetzt ganz zuge­knöpft

Das Schrei­ben der Orts­bür­ger­meis­te­rin.

Es ging noch eine Wei­le hin und her, Juris­ten-Schrei­ben, Rat­haus-Gesprä­che – bis Clau­dia Blä­si­us-Wirth Schluss mach­te. Am 21. Sep­tem­ber 2017 schick­te sie Con­ra­di fol­gen­den Brief:

Die Orts­ge­mein­de ver­folgt das Ziel, im Neu­bau­ge­biet Betreu­tes Woh­nen anzu­sie­deln. Eine Kom­bi­na­ti­on mit einem Senio­ren­heim auf zwei gegen­über­lie­gen­den Flä­chen wur­de befür­wor­tet.

Da lei­der die­se Situa­ti­on in Kom­bi­na­ti­on nun lei­der nicht zustan­de kommt, nimmt die Orts­ge­mein­de Abstand von Ihrem Ange­bot ein Senio­ren­heim auf der Flä­che im Algers­weg West zu errich­ten. Fer­ner müs­sen wir ver­mer­ken, dass Ihrer­seits kein Ein­ver­neh­men im Ver­trags­ab­schluss der Kos­ten­er­stat­tungs­ver­ein­ba­rung mit dem Erschlie­ßungs­trä­ger her­ge­stellt wer­den konn­te.

Für die jah­re­lan­ge Beglei­tung in unse­rem o.g. Pro­zess möch­ten wir uns bei Ihnen und ihrem Unter­neh­men bedan­ken (…) Wir wün­schen Ihnen wei­ter­hin viel Erfolg bei all Ihren Unter­neh­mun­gen…”

Das war’s. Sechs, sie­ben Jah­re lan­ge Pla­nung – alles umsonst. Im Dezem­ber letz­ten Jah­res ver­such­te Con­ra­d­is Anwalt noch, mit der Orts­bür­ger­meis­te­rin eine güt­li­che Eini­gung her­bei­zu­füh­ren. Ver­ge­bens. Dar­auf­hin reich­te er Kla­ge beim Land­ge­richt Mainz ein (Akten­zei­chen 4 O 63/18).

Con­ra­di bezif­fert sei­ne Aus­ga­ben auf 103.459,91 Euro. Er habe im Ver­trau­en auf fes­te Zusa­gen der Gemein­de gehan­delt, er will sein Geld zurück.

Soll­te es zu einem Gerichts­ver­fah­ren kom­men, wird über eine Fra­ge zu ent­schei­den sein: Hat die Gemein­de dem Inves­tor zu viel ver­spro­chen, liegt hier ein Fall von Amts­haf­tung vor? Wenn ja: Dann muss die Gemein­de die 100.000 Euro plus die gesam­ten Kos­ten des Ver­fah­rens tra­gen.

Wir frag­ten Frau Blä­si­us-Wirth, als wir sie jetzt tra­fen: Wie konn­te es dazu kom­men, dass die lang­jäh­ri­ge Zusam­men­ar­beit mit einem renom­mier­ten Inves­tor und erfah­re­nen Bau­trä­ger so schnell eska­lier­te?

CBW gab sich zuge­knöpft:: „Das ist ein lau­fen­des Ver­fah­ren. Dazu sage ich nichts.“

Mak­ler-Fotos sol­len als Refe­ren­zen die­nen

Nur kur­ze Zeit nach dem Bruch mit Con­ra­di prä­sen­tier­te CBW einen neu­en Inves­tor: Der Immo­bi­li­en-Unter­neh­mer Andre­as Piwo­war­ski zeig­te Inter­es­se, mit den Fir­men AIVG und LVVG das Mil­lio­nen-Pro­jekt zu rea­li­sie­ren.

Der Mann gab auch gewal­tig Gas: Er ließ von einem Archi­tek­ten inner­halb kür­zes­ter Zeit eine Anla­ge mit 60 Woh­nun­gen in zwei Häu­sern ent­wer­fen. Inzwi­schen bie­tet er die Woh­nun­gen, wie gesagt, längst zum Kauf an…

Kürz­lich wur­de die­ses Vor­ge­hen im Gemein­de­rat kri­tisch-nach­denk­lich hin­ter­fragt. SPD-Mit­glie­der wit­ter­ten ein inves­to­ren­ge­trie­be­nes Wohn­pro­jekt, in dem zu leben sich Gun­ters­blu­mer gar nicht leis­ten könn­ten. Die FWG dräng­te auf eine Über­prü­fung der Boni­tät des Inves­tors: Da wür­de es noch ein paar offe­ne Fra­gen geben…

Die Orts­bür­ger­meis­te­rin scheint von der­lei Zwei­feln völ­lig frei zu sein. Letz­ten Mitt­woch, bei unse­rem Gespräch im Rat­haus, ver­wies sie auf Refe­ren­zen, die ihr der Unter­neh­mer vor­ge­legt habe. Sie sag­te: „Herr Piwo­war­ski war in ganz Deutsch­land tätig, er hat Fotos gezeigt – das war über­zeu­gend.“

Fra­ge: Was waren das für Refe­ren­zen? Etwa die Fotos von Immo­bi­li­en, die auf der Web­sei­te der Fir­ma AIVG im Inter­net zu sehen sind?

CBW nickt.

Uuups, da war sie wohl etwas arg leicht­gläu­big! Wir wol­len sie ger­ne auf­klä­ren!

75-jäh­ri­ge Frau steht hin­ter Immo­bi­li­en­fir­men

Andre­as Piwo­war­ski hat – nach eige­ner Aus­kunft – im Auf­trag einer Bank Immo­bi­li­en in ganz Deutsch­land, die in die Zwangs­ver­stei­ge­rung gerutscht waren, an Inves­to­ren gebracht. Dann wur­de die Bank von einer ande­ren auf­ge­kauft, für ihn gab’s kei­ne Auf­trä­ge mehr. Er habe sich umge­hört und fest­ge­stellt, dass Betreu­tes Woh­nen ange­sagt sei. In die­ses Geschäft wol­le er jetzt ein­stei­gen: Gun­ters­blum sei sein ers­tes Pro­jekt.

Soweit die Dar­stel­lung von Herrn Piwo­war­ski, und es gibt kei­nen Grund, sie anzu­zwei­feln. Die Fotos im Inter­net zei­gen, das sagt er ganz offen, Objek­te, die er ver­mit­telt habe. Als Refe­ren­zen für den Bau einer Senio­ren-Wohn­an­la­ge dürf­ten sie ver­mut­lich kaum tau­gen.

Schau­en wir noch etwas genau­er hin, wird’s recht mys­te­ri­ös:

Piwo­war­ski will also mit den Fir­men AIVG mbH (ein­ge­tra­gen beim Amts­ge­richt Mainz unter HRB 6518) und LVVG mbH (AG Offen­bach, HRB 41753) sei­ne ers­te Senio­ren-Wohn­an­la­ge in Gun­ters­blum errich­ten. Doch im Han­dels­re­gis­ter fin­den wir sei­nen Namen nicht: Die bei­den Fir­men gehö­ren einer gewis­sen Ewa L., die als Gesell­schaf­te­rin und auch als Geschäfts­füh­re­rin ein­ge­tra­gen ist.

Ewa L. ist heu­te 75 Jah­re alt und lebt in einer Hoch­haus-Sied­lung in Mainz. Die­se Frau soll die wah­re Mil­lio­nen-Inves­to­rin von Gun­ters­blum sein?

Andre­as Piwo­war­ski sagt dazu: Ewa L. sei sei­ne Cou­si­ne. Sie habe die Fir­men gegrün­det. Er sei Gene­ral­be­voll­mäch­tig­ter bei der AIVG, sein Sohn Dani­el sei Gene­ral­be­voll­mäch­tig­ter bei der LVVG.

Gene­ral­be­voll­mäch­tig­ter? Was ist das?

Alles sei völ­lig kor­rekt, beteu­ert Piwo­war­ski, alles sei ver­trag­lich geklärt.

Das Büro der AIVG am Orts­rand von Kön­gern­heim.

Mag sein, dass eine sol­che Unter­neh­mens-Kon­struk­ti­on völ­lig rech­tens ist. Aber ganz sicher ist sie unge­wöhn­lich. Und sie wirkt auch nicht unbe­dingt ver­trau­ens­för­dernd. Denn natür­lich stellt sich die Fra­ge: Wenn Andre­as Piwo­war­ski seit Jah­ren für die Fir­men sei­ner Cou­si­ne feder­füh­rend erfolg­reich tätig war – war­um wur­de er nicht Anteils­eig­ner? War­um über­nahm er nicht zumin­dest die ope­ra­ti­ve Ver­ant­wor­tung als Geschäfts­füh­rer?

Er zuckt nur die Schul­tern: Das sei eben so…

Bilan­zen las­sen kei­ne erfolg­rei­che Tätig­keit erken­nen

Gut, dann schau­en wir uns die Bilan­zen der bei­den Unter­neh­men an. Und auch hier tun sich ganz schnell Fra­gen auf:

Die Zah­len ste­hen im kras­sen Wider­spruch zu den tol­len unter­neh­me­ri­schen Leis­tun­gen, die Andre­as Piwo­war­ski immer wie­der her­aus­stellt: Die Bilan­zen von AIVG und LVVG geben kei­ner­lei Hin­wei­se auf eine erfolg­rei­che wirt­schaft­li­che Tätig­keit.

Schlim­mer noch: Der Steu­er-Fach­mann, dem wir die Bilan­zen vor­le­gen, fin­det schon auf dem ers­ten Blick Rechen­feh­ler, feh­len­de Minus-Zei­chen…

Und das sol­len glaub­wür­di­ge Bewei­se sei­nes unter­neh­me­ri­schen Kön­nens und Wir­kens sein? Andre­as Piwo­war­ski scheint die Fra­ge nicht zu ver­ste­hen: „Wie mei­nen Sie das? Das sind doch nur Zah­len. Was sagen die schon aus?“

Ein paar Tage nach unse­rem Besuch in Kön­gern­heim, an die­sem Wochen­en­de, ruft Andre­as Piwo­war­ski an. Offen­bar ist ihm bewusst gewor­den, dass er Ein­blick gewährt hat in eine recht unor­tho­do­xe unter­neh­me­ri­sche Den­ke. Er möch­te nicht, sag­te er, dass über die Bilan­zen berich­tet wer­de. Er habe in ganz Rhein-Main-Gebiet gebaut, das müs­se rei­chen.

Aber er müss­te doch mal erklä­ren, sagen wir, war­um sich sein angeb­lich erfolg­rei­ches Wir­ken nicht in den Bilan­zen fin­de.

War­um, war­um?“ fragt er zurück. Er wirkt genervt, gereizt. Es gebe noch ande­re Fir­men, sagt er, das sei alles ganz anders, aber dazu wol­le er auf kei­nen Fall etwas sagen…

Inves­tor Nr. 2 stellt heik­le Bedin­gung

Bleibt zur Stun­de die Erkennt­nis: Clau­dia Blä­si­us-Wirth, die Orts­bür­ger­meis­te­rin, hat Gun­ters­blum in eine böse Zwick­müh­le geführt. Der ers­te Inves­tor ist ver­grault und klagt vor Gericht, er ver­langt 100.000 Euro.

Aber ist Inves­tor Nr. 2 – der übri­gens sagt, er habe schon 300.000 Euro inves­tiert (ohne Grund­stücks­ver­trag!) –  die rich­ti­ge Wahl?

Oder gibt es für Gun­ters­blum nur noch die­se eine Lösung: Augen zu und durch? Dem neu­en Inves­tor muss jetzt ver­traut wer­den, ganz egal was kommt…

Hohes Risi­ko!

Zumal Piwo­war­ski noch eine äußerst kri­ti­sche Bedin­gung stellt: Den Kauf­preis für das gemein­de­ei­ge­ne Grund­stück – er nennt 1,28 Mil­lio­nen Euro incl. Erschlie­ßung – kön­ne er erst dann an die Gemein­de über­wei­sen, wenn 30 Pro­zent der Woh­nun­gen ver­kauft sind. „Die­ser Punkt muss in den Grund­stücks-Kauf­ver­trag rein“, sagt er. „Erst wenn 18 Woh­nun­gen ver­kauft sind, wer­de ich das Geld über­wei­sen.“ Anders, sagt er auch las­se sich das Pro­jekt für ihn nicht rea­li­sie­ren.

Abwar­ten, was dazu die Rats­mit­glie­der sagen. Fest steht nur: Das Pro­jekt Betreu­tes Woh­nen scheint zur Hoch­ri­si­ko-Zocke­rei zu ver­kom­men – ganz gefähr­lich für Gun­ters­blum!