Die Reaktion: Ende einer Dienstzeit

Er war ganz oben angekommen, war oberster Polizeichef Hessens. Doch sein Führungsstil war von gestern, passte nicht mehr in diese Zeit. Jetzt ist Norbert Nedelas Dienstzeit beendet. Zurück bleibt eine Behörde, die sich neu suchen muss.

Wiesbaden. Exakt 40 Jahre hat er bei der Polizei gearbeitet. Am 1. Oktober 1970 war in den Kriminaldienst eingetreten, ein kleiner Beamter noch, damals.

Er hat’s nach ganz oben geschafft, hat in vier Jahrzehnten den wichtigsten Job bei der Polizei in Hessen erobert. Und jetzt, unmittelbar nach dem „runden“ Dienstjubiläum, das harte Aus: Entlassung! Fristlos! „Wegen Differenzen in Fragen der Führung der hessischen Polizei“, wie Innenminister Boris Rhein mitteilte, wurde Norbert Nedela, Präsident des Landespolizeipräsidiums, in den einstweiligen Ruhestand versetzt.

Es gibt nicht wenige in der Polizeibehörde, die Norbert Nedela keine Träne nachweinen. Und es gibt viele, die richtig froh darüber sind, dass endlich ein Schlussstrich gezogen wurde:

Nedelas Art, mit Mitarbeitern umzugehen, wird seit Jahren heftig kritisiert – von Mitarbeitern, von Gewerkschaftern, von der politischen Opposition im Landtag. Bisweilen war die Stimmung derart aufgeheizt, das die Tonlage schrill wurde. Denn Kritik, gar Widerspruch, damit konnte Nedela niemals umgehen. Dann giftete er schon mal „Nestbeschmutzer“, was nicht gerade einer vertrauensvollen Zusammenarbeit diente.

Volker Bouffier, der bisherige Innenminister und heutige Ministerpräsident, war lange Jahre der Förderer Nedelas. Mitte 2003 war’s: Polizeipräsident Udo Scheu wurde, ohne Angaben von Gründen, in den einstweiligen Ruhestand versetzt – und Norbert Nedela als neuer starker Mann der Polizeibehörde präsentiert. In politischen Kreisen hatte er sich damals bereits einen Namen gemacht: Ende der 90er Jahre, in der „Reiter-Affäre“ um den ehemaligen Frankfurter Polizeipräsident Wolfhard Hoffmann. Dem vorgeworfen worden war, in seiner Freizeit unentgeltlich Dienstpferde geritten zu haben. Hartnäckiger Ermittler im Untersuchungsausschuss: Norbert Nedela. Mit seinen akribischen Nachfragen trug er maßgeblich zu Negativschlagzeilen für die damalige rot-grüne Landesregierung bei. „Dafür holt er sich jetzt seine Belohnung ab“, hieß es prompt, als er von Bouffier ins Präsidentenamt gehievt wurde.

Fachlich war dem Mann nichts vorzuwerfen. Nedela, 1951 in Hohenroda-Ransbach im Kreis Hersfeld-Rotenburg geboren, machte sein Abitur in der Alten Klosterschule in Bad Hersfeld, wollte dann Jura studieren, was er angesichts der damaligen studentischen Dauer-Streiks schnell aufgab: Semester seien häufiger nicht anerkannt worden, erzählte er später mal, das sei ihm zu unsicher gewesen.

Er stieg bei der Polizei ein, blieb dort hängen und machte Karriere: Nach vier Jahren war er Kriminalkommissar, leitete später Sonderkommissionen und unterrichtete an der Polizeischule. Zur Hoch-Zeit der Startbahn-West-Unruhen ging er zum Polizeipräsidium nach Frankfurt, wechselte später nach Wiesbaden, arbeitete beim LKA, beim Staatsschutz, leitete die Polizeidirektion Limburg…

Eine Spitzen-Karriere. Dabei wirkte der Mann, sagen seine Freunde, nie Job-versessen. Früher betrieb er intensiv Sport – vor allem Judo –, bis ihn eine schwere Handverletzung stoppte. Er segelt leidenschaftlich gerne, heißt es, er beherrsche Klavier und Posaune. Lange Jahre galt er als „ewiger Junggeselle“, dann erwischte es ihn: Silvester 2000 heiratete er, Punkt 12 Uhr, bei 38 Grad im Schatten, auf der Insel Mauritius. Ein Individualist also, im persönlichen Gespräch gar nicht mal unsympathisch, ein Experte im Job, ein Mann also mit Zukunft – wenn, ja wenn er nur nicht diesem antiquierten, diesem schrecklich autoritären Führungsstil angehangen hätte. Wer nicht unbedingt für ihn war, den verortete Nedela als Gegner – Grautöne waren dem privat durchaus leger auftretenden Schnauzbartträger im Job absolut fremd. Wen er als Kritiker ausgemacht hatte in den eigenen Reihen, der hatte nichts mehr zu lachen.

Böswillige Strafversetzungen, geheime Personalakten, ungerechtfertigte Disziplinarmaßnahmen, Suspendierungen – keine Behörde in diesem Land sorgte in den letzten Jahren für derart viele Negativschlagzeilen. Die Opposition im Landtag attackierte den Innenminister wiederholt ob andauernden Denunziantentums und Intrigantentums. Konsequenzen? Keine. Im Gegenteil: Politiker von CDU und FDP keilten zurück: Das sei „Aktionismus und Beleg für die Skandalisierungssucht einer inhaltlich mäßig aufgestellten Opposition“.

Unterm Strich muss aber doch etwas dran gewesen sein an den Vorwürfen. Sonst hätte Innenminister Boris Rhein nicht wiederholt von der Notwendigkeit einer neuen Führungskultur bei Hessens Polizei gesprochen. Die alte, sagte er vorsichtig-vielsagend, sei „unsensibel“.

Am Ende gab’s nicht mehr viele, die zu Nedela hielten. Sogar Volker Bouffier, heißt es, soll seiner überdrüssig geworden sein, doch habe er sich nicht von ihm trennen wollen: Nedela war doch „sein Mann“ gewesen.

Sabine Thurau, die heutige Chefin des Landeskriminalamtes, war lange Zeit eine sehr enge Vertraute Nedelas. Beide galten als untrennbar, „ein Kopp und ein Arsch“, heißt es unter Polizisten, man traf sich privat, ein enges Gespann. Nedela schickte Thurau im Jahr 2005 nach Frankfurt, wo sie „aufräumen“ sollte. Unter der Trennung muss die Beziehung gelitten haben, vielleicht war Sabine Thurau auch nicht mehr ganz so gehorsam wie früher – jedenfalls war’s bald vorbei mit der Herzlichkeit. Blanker Hass soll habe zwischen beiden geherrscht. Mitarbeiter berichten, dass Nedela zuletzt jedes Treffen mit Frau Thurau vermied, ihre Bitten um dienstliche Gespräche nicht beachtete, sie völlig ignorierte.

Und dann wurde schließlich noch ein völlig unvorstellbarer Verdacht laut: Interne Ermittler sollen Akten gefälscht haben – womöglich zum Nachteil von Sabine Thurau – womöglich sogar, wer weiß schon was, mit Rückendeckung von Nedela…

Das wäre der GAU, die größte anzunehmende Ungeheuerlichkeit. Die Ermittlungen gehen in alle Richtungen, heißt es im Innenministerium, aber die Gerüchteküche brodelt bereits heftig, der Verdacht – gezielt gestreut? wer weiß das schon! – ist längst rund, überall.

Boris Rhein hatte am Ende gar keine Wahl mehr. Gestern Nachmittag ging der Minister in die Kabinettsitzung, unterbreitete seinen Vorschlag: Entlassung von Norbert Nedela – sofort. Die Runde nickte.

Am Abend wollte der Minister seinen obersten Polizeibeamten noch einmal treffen, die Abschiedsurkunde übergeben. Nach 40 Jahren: Die Ära Nedela ist vorbei.

Erschienen in der FNP am 03.11.2010

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