Der alte Mann und die Abzo­cker vom Not­dienst

Ein älte­rer Herr aus Rhein­hes­sen ist Opfer von angeb­li­chen Not­dienst-Hand­wer­kern gewor­den. Weil das, was ihm wider­fah­ren ist, jeder­zeit jedem von uns pas­sie­ren könn­te, hat er sich gemel­det und gebe­ten, dass wir sei­ne Geschich­te ver­öf­fent­li­chen. Das tun wir ger­ne – zumal wir dem Hin­ter­mann der üblen Abzo­cke auf die Spur gekom­men sind: Jetzt end­lich wird gegen ihn vor­ge­gan­gen!

Die­ter E. ist in sei­nem Berufs­le­ben Archi­tekt und Diplom-Bau­in­ge­nieur gewe­sen, er ist jetzt 79 Jah­re alt und lebt mit sei­ner Frau im rhein­hes­si­schen Mons­heim. In der 2500-See­len-Gemein­de rech­net kein Mensch damit, von einem Hand­wer­ker über den Tisch gezo­gen zu wer­den. Und wenn man dann auch noch „vom Fach“ ist, wenn man in sei­nem Leben so viel Erfah­rung, Wis­sen und Kennt­nis­se ange­sam­melt hat wie Die­ter E., dann müss­te ein dreis­tes Betrugs­ma­nö­ver eigent­lich aus­ge­hen wie das Horn­ber­ger Schie­ßen.

Müss­te. Eigent­lich. Doch es gehört zum Wesen jeg­li­cher Gau­ne­rei, dass die Unbe­darft­heit und Gut­gläu­big­keit von Men­schen kalt­her­zig aus­ge­nutzt wird. Beson­ders per­fi­de agie­ren Täter, die sich mit dem Man­tel der Hilfs­be­reit­schaft tar­nen. Gier ist ihre Trieb­fe­der, Geris­sen­heit das Tat­werk­zeug – so plün­dern sie in Not gera­te­ne Men­schen, immer wie­der, wie auch in unse­rem Fall:

In einer von uns ver­mie­te­ten Woh­nung – die Bewoh­ner waren gera­de nicht da – hat­te es abends einen Rohr­bruch gege­ben“, erzählt Die­ter E. Eine Nach­ba­rin habe sofort den Haupt­hahn zuge­dreht und ihn infor­miert. „Ich bat sie, einen Not­dienst zu rufen, damit das Rohr zumin­dest not­dürf­tig geflickt und das Was­ser wie­der ange­stellt wer­den kön­ne.“

Bild zum Ver­grö­ßern ankli­cken: Die­se Inter­net­sei­te ver­spricht einen  Klemp­ner­ser­vice aus Mons­heim. Dahin­ter steckt ein Call­cen­ter in Regens­burg!

Die Nach­ba­rin goog­le­te im Inter­net mit nahe lie­gen­den Begrif­fen: Klemp­ner, Not­dienst, Mons­heim… Sie glaub­te erwar­ten zu kön­nen, ihr wür­den Klemp­ner-Not­diens­te aus der Umge­bung ange­zeigt.

Aber Sie ahnen ja gar nicht, wie vie­le Not­diens­te im Inter­net vor­ge­ben, in Mons­heim zu sit­zen! Das Phä­no­men fin­den Sie übri­gens über­all, tes­ten Sie es ruhig mal: Sie wer­den über­rascht sein, wie vie­le Not­diens­te auch in Ihrem Wohn­ort ansäs­sig zu sein vor­ge­ben!

Die Nach­ba­rin öff­ne­te eine der Not­dienst-Sei­ten und rief die groß ange­zeig­te Tele­fon­num­mer an. Natür­lich kön­ne man ihr hel­fen, sag­te eine net­te Dame am ande­ren Ende der Lei­tung, es wer­de drei bis vier Stun­den dau­ern, mehr kön­ne sie am Tele­fon aller­dings nicht sagen: Wie lan­ge die Repa­ra­tur dau­ern und was sie kos­ten wür­de, das könn­ten nur die Hand­wer­ker beur­tei­len, die gleich kom­men wür­den, ganz bestimmt.…

Hand­wer­ker wirk­ten plötz­lich bedroh­lich

Sie kamen gegen 22 Uhr: Zwei Män­ner in einem wei­ßen BMW mit Lud­wigs­ha­fe­ner Kenn­zei­chen (LU-KJ 9xx – die Zah­len sind bekannt, die Poli­zei weiß inzwi­schen Bescheid ;-).

Die Män­ner hat­ten das Rohr bin­nen Minu­ten abge­dich­tet, ihr Ein­satz dau­er­te kei­ne 20 Minu­ten. Das war’s schon.

Und dann prä­sen­tier­ten sie ihre Rech­nung:

Ein­satz­pau­scha­le: 249,90 Euro.

An- und Abfahrt: 49 Euro.

Arbeits­zeit, zwei Ein­hei­ten a 15 Minu­ten zu je 49,90 Euro: 99,80 Euro.

Plus zwei Was­ser­ver­schlüs­se für zusam­men 17,98.

Ergibt 416,68 Euro.

19 Pro­zent Mehr­wert­steu­er kom­men noch oben drauf:

Macht zusam­men 495,84 Euro.

Die „Rech­nung”, die die angeb­li­chen Hand­wer­ker zurück­lie­ßen.

Es war fast Mit­ter­nacht, der 79-Jäh­ri­ge Die­ter E. war längst müde – und jetzt auch geschockt: „Ich woll­te es nicht glau­ben! 500 Euro für 20 Minu­ten Arbeit! Ich hat­te gar nicht so viel Geld dabei! 300 Euro hat­te ich ein­ge­steckt. Ich gab den Män­nern das Geld und woll­te den Rest über­wei­sen. Aber sie ver­lang­ten die gan­ze Sum­me, sofort, in bar.“

Die­ter E. sagt, nor­ma­ler­wei­se hät­te er in so einer Situa­ti­on die Poli­zei geru­fen. Aber es sei schon so spät gewe­sen, die bei­den Män­ner hät­ten einen bedroh­li­chen Ein­druck gemacht, und weil sei­ne Frau dabei gewe­sen sei, habe er kei­nen Ärger pro­vo­zie­ren wol­len. Er sei mit den Män­nern zum nächs­ten Geld­au­to­ma­ten gefah­ren und habe ihnen das Geld gege­ben.

Eine Rech­nung hat er, wie gewünscht, aus­ge­hän­digt bekom­men. Eine Rech­nung? Es ist eher ein Schmier­zet­tel: „MAB 24 STD Not­dienst“ steht oben­drü­ber, und als Fir­men­sitz ist Vor­stadt 13 in der hes­si­schen Stadt Hanau ange­ge­ben – mehr als 110 Kilo­me­ter von Mons­heim ent­fernt.

In ganz Hanau gibt’s kei­nen Betrieb mit dem ange­ge­be­nen Namen. Die dor­ti­ge Kreis­hand­wer­ker­schaft teil­te inzwi­schen mit: „Weder unter dem Fir­men­na­men noch unter der genann­ten Anschrift konn­te eine Ein­tra­gung in der Hand­werks­rol­le fest­ge­stellt wer­den.“ Man habe des­halb bei der zustän­di­gen Kreis­ver­wal­tung in Geln­hau­sen Straf­an­zei­ge wegen Schwarz­ar­beit erstat­tet.

Womit sich natür­lich jetzt die­se Fra­ge stellt: Zwei angeb­li­che Hand­wer­ker, die viel­leicht gar kei­ne sind, und die vor­geb­lich für eine hes­si­sche Fir­ma arbei­ten, die es defi­ni­tiv nicht gibt – woher wuss­ten die eigent­lich von einem Was­ser­scha­den zu nächt­li­cher Stun­de im rhein­hes­si­schen Mons­heim?

Der Draht­zie­her sitzt in Regens­burg

Damit nähern wir uns dem wah­ren Übel­tä­ter, dem Draht­zie­her hin­ter dem schnel­len Geschäft mit der Not ande­rer Leu­te: Als die Nach­ba­rin im Inter­net einen Not­dienst such­te, fand sie eine Web­sei­te, die einen Not­dienst in Mons­heim vor­gau­kel­te und schnel­le, unkom­pli­zier­te Hil­fe ver­sprach: Rufen Sie ein­fach an!

Die Wahr­heit aber ist: Sie hat­te eine Ver­mitt­lungs­agen­tur ange­ru­fen, die ihren Sitz in Regens­burg hat. Das Büro dort ist von Mons­heim rund 360 Kilo­me­ter ent­fernt und selbst mit einem schnel­len Auto bes­ten­falls in vier Stun­den zu errei­chen.

Unse­re Recher­chen erga­ben: Die baye­ri­sche Bischofs­stadt hat sich in den letz­ten Jah­ren zu einem Zen­trum bun­des­wei­ter Not­dienst-Abzo­cke ent­wi­ckelt. Der Draht­zie­her im Hin­ter­grund heißt Tho­mas Mann­sta­edt. Er betreibt gleich meh­re­re Fir­men, sie hei­ßen „M&S Auf­trags­ver­mitt­lung GmbH“, „DFH Sicher­heits­tech­nik GmbH“, „DHE Tech­nik GmbH“, „Der Sicher­heits­pro­fi“ – um nur eini­ge zu nen­nen.

Die­se Mann­sta­edt-Fir­ma nennt sich DHE, was für „Der Hand­wer­ker Engel” ste­hen soll. 

Mann­sta­edt scheint beim Ent­wer­fen neu­er Fir­men­na­men von einem schrä­gen Humor gelei­tet zu wer­den: Abkür­zun­gen wie „DFH“ und „DHE“ ste­hen für „Der freund­li­che Hand­wer­ker“ bzw. „Der Hand­wer­ker Engel“. Not­dienst-Opfer wer­den also mit sei­ner Hil­fe nicht nur aus­ge­nom­men. Sie sol­len sich offen­sicht­lich auch noch ver­höhnt vor­kom­men…

Fast jede der Mann­sta­edt-Fir­men betreibt zahl­rei­che Web­sei­ten im Inter­net, mit denen Dienst­leis­tun­gen für alle mög­li­chen Not­fäl­le ange­bo­ten wer­den. Die Sei­ten hei­ßen bei­spiels­wei­se sanitaernotdienst-24.de, elektriker-24std.de, der-aufsperrdienst.de, kammerjaeger-1a.de, schimmelentfernen24.de usw. usf. Sie sind alle ähn­lich gestal­tet: Stets wird im obe­ren Bereich der Web­sei­te eine gro­ße Tele­fon­num­mer („Kos­ten­lo­se Ser­vice­num­mer“) gezeigt, umge­ben von Schlag­wor­ten: Schnell. Seri­ös. Preis­wert.

Dut­zen­de Web­sei­ten ver­spre­chen schnel­le Hil­fe

Auch die­se Not­dienst-Sei­te von Tho­mas Mann­sta­edt erweckt den Ein­druck, sie stam­me von einer Hand­werks­fir­ma aus der Nähe.

Wir haben, beim schnel­len Goog­len, mehr als zwan­zig sol­cher Not­dienst-Web­sei­ten gefun­den, die alle­samt von Tho­mas Mann­sta­edt über sei­ne diver­sen Fir­men betrie­ben wer­den. Ganz egal, ob es sich um Tür­öff­nung, Rohr­bruch, Schim­mel­be­sei­ti­gung oder Kam­mer­jä­ger han­delt – die Masche funk­tio­niert in allen Fäl­len gleich:

Die Web­sei­ten sind oft so pro­gram­miert, dass der Ein­druck erweckt wird, der Not­dienst befin­de sich ganz in der Nähe des Anru­fers.

Unter einer groß her­aus­ge­stell­ten Tele­fon­num­mer – in der Regel ist nur eine Han­dy­num­mer ange­ge­ben – mel­det sich aber kein Hand­werks­be­trieb. Son­dern ledig­lich ein Call­cen­ter.

Das Geschäft von Tho­mas Mann­sta­edt ist also mit­nich­ten die schnel­le Hil­fe. Es ist die Ver­mitt­lung von Dienst­leis­tun­gen. Sein Call­cen­ter hat Adres­sen von Hand­wer­kern (und sol­chen, die sich dafür aus­ge­ben) gespei­chert. An die wer­den Not­dienst-Auf­trä­ge wei­ter­ge­reicht – gegen eine Pro­vi­si­on, die teil­wei­se mehr als 50 Pro­zent des Ent­gelts aus­ma­chen soll.

Ein­schlä­gi­ge Foren im Inter­net sind voll von Beschwer­den. In ers­ter Linie empö­ren sich die Leu­te natür­lich über die viel zu hohen Kos­ten: „Wucher!“ heißt es immer wie­der. Auch wird beklagt, dass die angeb­li­chen Hand­wer­ker gar nicht exis­tier­ten, fal­sche Adres­sen ange­ge­ben hät­ten und fal­sche Tele­fon­num­mern — wie in unse­rem Mons­hei­mer Fall.

Bei Beschwer­den gibt’s kei­ne Hil­fe

Ein Schlüs­sel­not­dienst in Mons­heim? Nein, ein Blick ins Impres­sum ver­rät: Hin­ter die­ser Web­sei­te steckt Tho­mas Mann­sta­edt aus Regens­burg.

Wir haben Tho­mas Mann­sta­edt etli­che Fra­gen zuge­schickt. In zwei Mails ant­wor­te­te er, aller­dings über­ging er die meis­ten Fra­gen. Viel­mehr ver­sucht er, sich und sei­ne Unter­neh­men in ein posi­ti­ves Licht zu rücken. Und ganz unver­hoh­len droht er dem Fra­ge­stel­ler.

Er kön­ne nicht „für über 500 Fir­men haf­ten, für die wir als Call­cen­ter und Auf­trags­an­nah­me arbei­ten“, schreibt er. Die meis­ten der Fir­men „sind noch nie auf­fäl­lig gewor­den. Lei­der haben wir es ver­säumt posi­ti­ve Publi­ci­ty zu betrei­ben, so dass nur die Fäl­le im Inter­net erschei­nen, die unzu­frie­den sind“.

Es sei in der Tat „zu Vor­fäl­len gekom­men, die wir ger­ne ver­mie­den hät­ten“. Und lei­der wer­de es immer wie­der Vor­fäl­le geben, „auf die wir erst reagie­ren kön­nen, wenn sie pas­siert sind“.

Inter­es­san­te Aus­künf­te. Mit 500 Fir­men arbei­tet Mann­sta­edt dem­nach zusam­men: Die­se Zahl ist neu, und sie ist auch beacht­lich – wenn sie denn wahr ist.

Mit sei­nem Reagie­ren auf Beschwer­den aber ist das so eine Sache: Glaubt man den vie­len Kla­gen in den Inter­net­fo­ren, dann wer­den Opfer von Not­dienst-Hand­wer­kern im Mann­sta­edt-Call­cen­ter mit lapi­da­ren Aus­flüch­ten abge­wim­melt: Man sei nur Ver­mitt­ler; bei Pro­ble­men mit den Hand­wer­kern müs­se man sich direkt an die­se wen­den – oder ans Gericht.

Genau­so lau­tet eine sei­ner Ant­wor­ten auf unse­re Fra­gen zum kon­kre­ten Mons­hei­mer Fall. Mann­sta­edt schreibt: „Sofern eine angeb­lich nicht exis­tie­ren­de Fir­ma einen Auf­trag aus­ge­führt hat, müs­sen Sie Anzei­ge erstat­ten, weil die­se Hand­wer­ker anschei­nend Steu­er­hin­ter­zie­hung betrei­ben.“

Das soll wohl ein Scherz sein, oder? Wie sol­len wir einen Hand­wer­ker anzei­gen, den er uns geschickt hat – und der uns fal­sche Anga­ben zu sei­ner Iden­ti­tät gemacht hat, von dem wir also weder Namen noch Adres­se noch Tele­fon­num­mer haben?

Tho­mas Mann­sta­edt, der den fal­schen Hand­wer­ker ein­ge­setzt hat, wähnt sich offen­bar befreit von jeder Haf­tung. Dass Men­schen mit sei­ner Hil­fe ganz böse über den Tisch gezo­gen wur­den, scheint ihm egal zu sein.

Der Call­cen­ter-Betrei­ber – ein Wohl­tä­ter?

In sei­nen Ant­wort-Mails wid­met er sich sodann, das lässt tief bli­cken, unge­fragt und auch unge­wöhn­lich aus­führ­lich der Selbst­be­weih­räu­che­rung. „Wir sind ein Betrieb, der den Men­schen hilft, wenn sie in Not sind“, schreibt er. Sei­ne Fir­ma spen­de für wohl­tä­ti­ge Orga­ni­sa­tio­nen und ver­su­che, die Abläu­fe und Dienst­leis­tun­gen in Deutsch­land zu ver­bes­sern. Mann­sta­edt scheint es wirk­lich ernst zu mei­nen: „Wir hel­fen den Men­schen in Deutsch­land, geben vie­len Men­schen Arbeit und Aus­bil­dung und brin­gen die Fir­men und die Men­schen dort zusam­men, wo es wich­tig ist und gute Dienst­leis­tun­gen oft Man­gel­wa­re sind.“

Tho­mas Mann­sta­edt – ein Wohl­tä­ter? Dem man mit Kri­tik an sei­nem Geschäfts­mo­dell gro­ßes Unrecht antut? So sieht er es offen­bar: Es sei­en Berich­te erschie­nen, schreibt er, „die den Ruf unse­rer Fir­ma beschmut­zen“. Doch das wer­de er sich nicht län­ger bie­ten las­sen: Er gehe jetzt „gegen die­se Art von Ruf­mord“ vor, schon in Kür­ze wür­den „eini­ge Falsch­dar­stel­lun­gen über unse­re Fir­ma im Inter­net berich­tigt bzw. gelöscht wer­den müs­sen“.

Und dann hat er noch für den kri­ti­schen Fra­ge­stel­ler einen Extra-Hin­weis parat. Es klingt wie eine Dro­hung:

Ich wer­de über­prü­fen las­sen ob Sie tat­säch­lich eine unwah­re Bericht­erstat­tung über uns getä­tigt haben. Wenn ja, dann lass ich Sie ver­kla­gen.“ Und ein­mal in Rage, schießt er, nach mehr als 600 Wor­ten in sei­nen zwei Mails, die­sen abschlie­ßen­den Satz ab:

Sol­chen Men­schen wie Ihnen wer­de ich nur noch über unse­ren Fir­men­an­walt Aus­kunft geben.“

Wett­be­werbs­zen­tra­le berei­tet Kla­gen vor

Mann­sta­edt und die Jus­tiz, das könn­te für­wahr noch ein span­nen­des Kapi­tel geben. Die Hand­werks­kam­mer Regens­burg wirft dem Unter­neh­mer ganz offen „dubio­ses Geschäfts­ge­ba­ren vor“: Sie will Beschwer­den aus ganz Deutsch­land bekom­men haben.

Deut­li­cher for­mu­liert Ger­hard Gröschl: Der Ober­meis­ter der Elek­tro-Innung Regens­burg warnt aus­drück­lich vor den Unter­neh­men des Tho­mas Mann­sta­edt. Er spricht von „Abzo­cke“ und auch von „mensch­li­chen Tra­gö­di­en“, wenn zum Bei­spiel Rent­nern Hun­der­te Euro für simp­le Dienst­leis­tun­gen abver­langt wür­den. O-Ton Gröschl: „Es ist eine Schan­de, dass die­ses Unter­neh­men so lan­ge unbe­hel­ligt sei­ne nach mei­ner Mei­nung unlau­te­ren Prak­ti­ken fort­set­zen kann.“

Aber viel­leicht kommt jetzt ja Schwung in die Sache:

Wir haben eine förm­li­che Abmah­nung aus­ge­spro­chen und das Unter­neh­men zur Auf­ga­be einer Unter­las­sungs­er­klä­rung auf­ge­for­dert“, sagt Rechts­an­walt Dr. Andre­as Otto­fül­ling von der Zen­tra­le zur Bekämp­fung des Unlau­te­ren Wett­be­werbs (Mün­chen). Mann­sta­edt habe nicht reagiert, des­halb berei­te man jetzt eine Kla­ge vor – und zwar auch gegen Tho­mas Mann­sta­edt per­sön­lich: „Wir neh­men ihn per­sön­lich auf Unter­las­sung in Anspruch, damit er nicht auf sei­ne ver­schie­de­nen oder auf neue Fir­men aus­wei­chen kann“, heißt es in Mün­chen.

Für den fast 80-jäh­ri­gen Die­ter E. kommt, wie für all die ande­ren Not­dienst-Opfer, der juris­ti­sche Vor­stoß zu spät. Über die nächt­li­che Abzo­cke habe er sich sehr geär­gert, sagt der alte Herr in Mons­heim, und natür­lich täten die 500 Euro weh. Wich­ti­ger aber sei ihm jetzt, dass das Trei­ben der dubio­sen Fir­men end­lich gestoppt wer­de: Mög­lichst vie­le Leu­te müss­ten erfah­ren, wie sol­che Inter­net-Not­diens­te wirk­lich arbei­ten.

Und soll­ten Betrof­fe­ne in eine ähn­li­che Not-Situa­ti­on gera­ten wie er: Auf kei­nen Fall, rät Die­ter E., soll­te man über­zo­ge­ne For­de­run­gen beglei­chen! „Die sind doch ein­fach nur unver­schämt!

 

Anwalt: Not­falls die Poli­zei rufen!
Der Ber­li­ner Jurist Tho­mas Hollweck beschäf­tigt sich mit Ver­brau­cher­recht. Er hat auf sei­ner Inter­net­sei­te aus­führ­lich dar­ge­stellt, wor­auf man bei einem Not­dienst ach­ten soll­te.

Grund­sätz­lich gilt dem­nach: Der Hand­wer­ker soll­te aus der nähe­ren Umge­bung kom­men. Er soll­te eine Web­sei­te mit sei­nem Namen haben und eine Tele­fon­num­mer mit einer ent­spre­chen­den Vor­wahl ange­ge­ben haben. Vor­sicht: Tele­fon­num­mern kön­nen wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Des­halb unbe­dingt ins Impres­sum schau­en, das jede Web­sei­te haben muss: Da muss die rich­ti­ge Adres­se ver­öf­fent­licht wer­den.

Ganz wich­ti­ger Punkt: die Bezah­lung. Wur­de ein Fest­preis aus­ge­macht oder for­dert der Hand­wer­ker einen ange­mes­se­nen Preis, kön­ne man die Rech­nung beru­higt in bar bezah­len, so Hollweck. „Las­sen Sie sich unbe­dingt eine Quit­tung über den bezahl­ten Betrag geben.“ Der Anwalt schreibt wei­ter: „Sie müs­sen aber kei­ne Bar­zah­lung leis­ten, wenn Sie das nicht möch­ten. Kein Hand­wer­ker darf Sie dazu nöti­gen, sofort nach erle­dig­ter Arbeit die Bezah­lung in bar zu ver­lan­gen.“ Das sei unüb­lich und unse­ri­ös und müs­se vom Kun­den nicht akzep­tiert wer­den: „Sie haben ein Recht auf Rech­nungs­aus­stel­lung, damit Sie die­se in Ruhe über­prü­fen kön­nen.“

Besteht der Hand­wer­ker auf Bar­zah­lung sei­ner über­höh­ten For­de­rung, soll­te man die Poli­zei hin­zu­zie­hen. „Da es sich in einem sol­chen Fall mög­li­cher­wei­se um ver­such­ten Betrug han­delt, ist ein Hin­zu­zie­hen der Poli­zei recht­mä­ßig. Zudem emp­feh­le ich auch in sol­chen Fäl­len, über­haupt kei­ne Anzah­lung in bar zu leis­ten.“

Der gan­ze Arti­kel von Rechts­an­walt Tho­mas Hollweck ist auf sei­ner Web­sei­te nach­zu­le­sen.

Ab in den Kel­ler – zum Wohl­füh­len!

Der Mann lebt mit sei­ner Fami­lie im rhein­hes­si­schen Gei­sen­heim, betreibt ein klei­nes Bau­un­ter­neh­men im hes­si­schen Wal­lau – und ver­zau­bert der­zeit die Stadt Mainz mit einer Loka­li­tät der beson­de­ren Art: In einem uralten Gewöl­be­kel­ler, den er per Zufall im Zen­trum der Lan­des­haupt­stadt ent­deckt hat­te, bau­te Thors­ten Kie­ge­le Wein­tre­so­re ein. Die Loca­ti­on ist auf dem bes­ten Weg, eine ech­te Kult-Kul­tur­stät­te zu wer­den – mit hohem Wohl­fühl-Fak­tor. 

Zum Ver­grö­ßern das Bild ankli­cken: Blick in das Vin­ar­ma­ri­um – gedämpf­tes Licht und ange­neh­me Tem­pe­ra­tu­ren sor­gen für Wohl­fühl-Atmo­sphä­re.

Idea­le Tem­pe­ra­tu­ren unter der Erde

29 Stu­fen füh­ren hin­ab in die Tie­fe. Wir befin­den uns im Glut-Som­mer 2018, drau­ßen herr­schen schwül-hei­ße 32 Grad, aber hier drin­nen frischt, mit jeder Stu­fe, die Luft spür­bar auf. Unten ange­kom­men, ist die Last der schier uner­träg­li­chen Hit­ze da oben ver­ges­sen: Das Ther­mo­me­ter zeigt nur noch ange­neh­me 18 Grad. „Ide­al für die Wein­la­ge­rung“, schmun­zelt Thors­ten Kie­ge­le (48), „und das Bes­te dar­an: Die Tem­pe­ra­tur bleibt das gan­ze Jahr über weit­ge­hend kon­stant, im Som­mer wie im Win­ter. Wir brau­chen weder Heiz- noch Kühl­ge­rä­te.“

Will­kom­men im Main­zer Vin­ar­ma­ri­um, einem Wein­kel­ler sprich­wört­lich für jeder­mann (und natür­lich jede Frau): Mehr als 400 Wein­tre­so­re gibt es hier, jeder mit einer Tür aus schwar­zen Stahl­stre­ben abschließ­bar. Man kann so ein Schließ­fach mie­ten und dar­in sei­ne Wein­fla­schen gut gesi­chert und per­fekt tem­pe­riert lagern. Und dann kann man sich hier, wann immer es einem danach dürs­tet, ein Gläs­chen gön­nen oder auch ein Fläsch­chen – ger­ne im Krei­se von Freun­den.

Denn so funk­tio­niert das Vin­ar­ma­ri­um: Jeder Mie­ter bekommt einen Schlüs­sel für sei­nen Wein­tre­sor und dazu eine Chip­kar­te, die den Zugang zum Kel­ler ermög­licht, sie­ben Tage die Woche, rund um die Uhr. Mit­ten im Gewöl­be­kel­ler war­tet ein mäch­ti­ger Tre­sen­tisch, Glä­ser, Was­ser  und Nüs­se  ste­hen kos­ten­los bereit: So lässt sich guter Wein per­fekt ver­kos­ten – zum Woh­le!

Unver­schämt viel Glück

Thors­ten und Clau­dia Kie­ge­le im Her­zen ihres Vin­ar­ma­ri­ums: An die­sem Tre­sen kann rund um die Uhr Wein ver­kos­tet wer­den.

Wie kommt, die­se Fra­ge stellt sich natür­lich, ein Unter­neh­mer mit Bau­fir­ma („Pro Fami­li­en Haus GmbH“) im Wal­lau­er Gewer­be­ge­biet dazu, in der Haupt­stadt der Lebens­freu­de eine der­art unge­wöhn­li­che Stät­te des geho­be­nen Genus­ses ein­zu­rich­ten?

Kie­ge­le: „Wein­tre­so­re sind voll im Trend. Ich woll­te aber nicht bei einem die­ser sty­li­schen Fran­chise-Sys­te­me mit­ma­chen. Ich woll­te mei­ne eige­nen Ide­en umset­zen. Was mir nur fehl­te, war der pas­sen­de Kel­ler.“

Die einen nennen’s Zufall, ande­re sagen, der Mann habe ein­fach unver­schämt viel Glück gehabt: Eines Tages bekam Kie­ge­le von einem Bekann­ten eine Immo­bi­lie in Mainz ange­bo­ten. Ein Laden­lo­kal in bes­ter Lage. Lei­der ziem­lich her­un­ter­ge­kom­men. Und schon in der Zwangs­ver­stei­ge­rung.

Als ich den Laden besich­tig­te, woll­te ich gleich absa­gen“, sagt Kie­ge­le. Er sei noch in den Kel­ler gegan­gen: auch dort alles voll Schutt und Abfall, die Wän­de schlecht ver­putzt und quiet­schig-rosa­far­ben gestri­chen. „Aber dann sah ich die Aus­ma­ße des Gewöl­bes. Und wuss­te sofort: Das ist es! Das ist genau das, was ich gesucht habe.“

Unge­fähr 30 Meter lang. Rund acht Meter breit. In der Kup­pel mehr als fünf Meter hoch. Ein wirk­lich mäch­ti­ges, präch­ti­ges Gewöl­be! Inzwi­schen weiß Kie­ge­le, dass er ein his­to­ri­sches Schätz­chen sein eigen nen­nen darf: Der Kel­ler dürf­te Jahr­hun­der­te alt sein.

Das Vin­ar­ma­ri­um in Mainz

Hier lager­te schon vor 200 Jah­ren Wein

Als gesi­chert gilt: Oben drü­ber stand, nach 1800, das Wohn- und Geschäfts­haus des Wein­groß­händ­lers Johann Hein­rich Baron von Map­pes (geb. 1757, gest.1845). Der war unter ande­rem Vize-Prä­si­dent der Main­zer Han­dels­kam­mer, lager­te unter dem Haus sei­ne gewal­ti­gen Wein-Vor­rä­te.

Loka­le Geschichts­for­scher, von Kie­ge­le befragt, wol­len nicht aus­schlie­ßen, dass der Kel­ler noch viel älter ist: Ende des 16. Jahr­hun­derts erbau­te hier Kur­fürst-Erz­bi­schof Anselm Franz von Ingel­heim den Ingel­hei­mer Hof. Leg­te er den Kel­ler an, den spä­ter Map­pes nutz­te? Man weiß es nicht. Mög­lich sogar, dass das Gestein des Gewöl­bes noch viel, viel älter ist: Es könn­te aus der Zeit um 1480 stam­men, als hier Bene­dik­ti­ner einen Stadt­hof erbau­ten.

Das, was ober­ir­disch in den Jahr­hun­der­ten zu sehen war, ist längst ver­schwun­den: Nach den Angrif­fen auf Mainz im Febru­ar 1945 blie­ben nur Grund­mau­ern übrig. 1961 wur­de das Grund­stück ein­ge­eb­net und als Park­platz genutzt.

Nur der Kel­ler dar­un­ter, der blieb stets unver­sehrt.

40 Ton­nen Schutt und Müll

Emmer­ans­stras­se 34 in Mainz: Hier befin­det sich der Zugang zum Vin­ar­ma­ri­um – ziem­lich unschein­bar.

Vor gera­de mal 20 Jah­ren, 1999, wur­de dann ein Mehr­fa­mi­li­en­haus erbaut. Emmer­ans­str. 34 – ein nicht gera­de augen­fäl­li­ger Zweck­bau: oben Woh­nun­gen, im Erd­ge­schoß ein Laden­lo­kal, das nie beson­ders gut lief, wes­halb es in die Zwangs­ver­stei­ge­rung kam, samt zuge­hö­ri­gem Gewöl­be­kel­ler…

Kie­ge­le hat den Unrat weg­schaf­fen und den Putz von den gewal­ti­gen Gewöl­be­wän­den abhau­en las­sen. „40 Ton­nen haben wir raus­ge­holt“, sagt er. Und dann wur­de rein­ge­schleppt, was man brauch­te: 12.000 hell­brau­ne Back­stei­ne, aus denen die Wein­tre­so­re gebaut wur­den. Die Wege in dem mehr als 300 Qua­drat­me­ter gro­ßen Kel­ler wur­den aus­ge­legt mit grau-schwar­zen Boden­plat­ten. LED-Leuch­ten, die kei­ne Wär­me ent­wi­ckeln und den Kel­ler nicht unnö­tig auf­hei­zen, ver­brei­ten gedämpf­tes, ange­neh­mes Licht: Wohl­fühl-Atmo­sphä­re pur im unter­ir­di­schen Tem­pel Bac­chus‘. 

Längst ist das Vin­ar­ma­ri­um nicht mehr nur wahr gewor­de­ner Traum eines geschäfts­tüch­ti­gen Bau­un­ter­neh­mers, nicht nur Oase für Lieb­ha­ber köst­li­chen Reben­saf­tes. Der Gewöl­be­kel­ler ist, dank tat­kräf­ti­ger Hil­fe von Kie­ge­les Ehe­frau Clau­dia und den drei Söh­nen, zu einem belieb­ten Kul­tur-Treff­punkt gewor­den. Im Erd­ge­schoß wur­den Lounge und Kon­fe­renz­raum ein­ge­rich­tet – sie las­sen sich umgrup­pie­ren zur gemüt­li­chen Loka­li­tät. Regel­mä­ßig fin­den Autoren­le­sun­gen statt, Musik­aben­de, Talk­run­den mit loka­len Pro­mi­nen­ten… Und immer wie­der gibt es, natür­lich, Wein­pro­ben von Win­zern der Regi­on.

Ich woll­te einen Ort schaf­fen, an dem sich Men­schen tref­fen und aus­tau­schen– und vor allem wohl­füh­len kön­nen“, sagt Kie­ge­le. Kei­ne Fra­ge: Das ist ihm voll­auf gelun­gen.

INFO
Vin­ar­ma­ri­um ist ein Kunst­wort, es ent­hält die latei­ni­schen Voka­beln „vinum“ (der Wein) und „arma­ri­um“ (der Schrank, Biblio­theks­raum). Mehr als 400 Tre­so­re wur­den in dem rie­si­gen Gewöl­be­kel­ler unter­ge­bracht: Die klei­nen fas­sen 88 Fla­schen, kos­ten 79 Euro Monats­mie­te; dazu gibt’s eini­ge begeh­ba­re Wein­schrän­ke für mehr als 2000 Fla­schen, der Preis ist Dis­kre­ti­ons­sa­che. Mehr über das Vin­ar­ma­ri­um im Inter­net unter www.vinarmarium.de; Infos über Ver­an­stal­tun­gen unter www.facebook.com/vinarmarium.